09.06.2021

Green Finance stärkt den Finanzplatz Europa

Nur mit leistungsfähigen Finanzzentren lassen sich ökologischer ökologischer Wandel und wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie finanzieren

Börsen-Zeitung, 29.5.2021, von Nicolas Mackel, CEO von Luxembourg for Finance (LFF)

Die Finanzzentren in der Europäischen Union (EU) haben in den vergangenen Jahren im internationalen Wettbewerb zugelegt. Waren vor fünf Jahren neben London sechs Städte aus der EU unter den 35 weltweit führenden Finanzzentren des Global Financial Centres Index (GFCI), sind es heute neun Metropolen aus der EU mit teilweise deutlich verbesserten Platzierungen. Die jeweiligen Stärken der europäischen Finanzzentren – etwa als Standort für Banken oder Versicherungen, als Drehkreuz für Vermögensverwaltung, im Anleihe- und Aktienmarkt oder für Zahlungsdienstleistungen sowie im wachsenden Fintech-Markt – ergänzen und verstärken sich gegenseitig.

Nicht zuletzt zeigt sich das daran, dass sich die als Folge des Brexit erforderlichen Umzüge von Aktivitäten aus London in die EU auf viele verschiedene europäische Finanzzentren verteilt haben. In Zukunftwird es darauf ankommen, die vielfältigen Expertisen erfolgreich für die großen Herausforderungen unserer Zeit zu nutzen: den ökologischen Wandel der europäischen Wirtschaft und die Finanzierung der Kosten der Corona-Pandemie. Dies schließt auch Kooperationen mit London ein, das weiter eine weltweit führende Finanzmetropole bleiben wird.

Die Vielfalt der Expertisen ist eine große Stärke Europas. Sie allein reicht jedoch nicht aus, damit die Finanzindustrie ihre Schlüsselrolle für den ökologischen Wandel erfüllen und ausreichend Finanzmittel zur Verfügung stellen kann. Allein der „Green Deal“ der EU-Kommission beläuft sich auf ein Volumen von 1 Bill. Euro bis zum Jahr 2030. Um Klimaneutralität zu erreichen, sind darüber hinaus weitere Summen zu mobilisieren, die nicht allein von der öffentlichen Hand getragen werden können.

Der große Finanzbedarf erfordert einen funktionierenden europäischen Markt, Transparenz und international anerkannte Standards. Nur so lassen sich breite Investorenkreise und die großen internationalen Kapitalsammelstellen ansprechen. Das Interesse weltweiter Investoren an nachhaltigen Investments ist groß. Weltweit ist für drei Viertel der institutionellen Investoren Nachhaltigkeit ein zentraler Gesichtspunkt ihrer Investmentstrategie, so eine Studie von BlackRock, des weltweit größten Vermögensverwalters. Der Anteil des nach Nachhaltigkeitskriterien verwalteten Vermögens wächst so kontinuierlich. Gleichzeitig sehen institutionelle Investoren in den unterschiedlichen Kriterien, mangelnden Daten und Standards Hindernisse für nachhaltige Anlagestrategien. Europa macht große Fortschritte, diese Herausforderungen durch allgemein verbindliche Nachhaltigkeitskriterien zu meistern.

Die EU-Kommission hat im vergangenen Jahr ein gemeinsames Klassifikationssystem, die sogenannte Taxonomie, verabschiedet. Diese Standards bilden den ersten Schritt in Richtung eines gemeinsamen europäischen Rahmens für nachhaltige Investments. Mit dem weltweit ersten solchen Regelsystem ist Europa anderen Finanzzentren voraus. Es wird damit zu einem bevorzugten Zielmarkt für nachhaltige Investments internationaler Investoren, wodurch sich für Unternehmen der Zugang zu internationalem Kapital für nachhaltige Investitionen erleichtert.

Die Taxonomie etabliert einen verbindlichen Weg, um Standards und ein gemeinsames Verständnis für die zentralen Fragen nachhaltigen Wirtschaftens zu entwickeln. Entsprechend den Nachhaltigkeitszielen der EU umfasst die Taxonomie sechs Aspekte: Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen, Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Vermeidung von Umweltverschmutzung sowie Schutz von Ökosystemen und Biodiversität. Experten legen Kriterien dafür fest, wie diese konkret auszugestalten sind. Für Klimaschutz und Klimawandelanpassung haben die Experten bereits branchenspezifisch technische Grenzwerte definiert. Die konkrete Ausgestaltung der anderen Nachhaltigkeitsziele soll bis zum Jahresende abgeschlossen und ab Ende 2022 angewandt werden. Auf dieser Basis wird es möglich, die Standards kontinuierlich weiterzuentwickeln und neue Entwicklungen widerzuspiegeln.

Verlässliche Standards haben eine Schlüsselrolle, „grüne“ und andere nachhaltig ausgerichtete Investments stärker im Mainstream an den Kapitalmärkten zu verankern. Denn die hohe Bedeutung und Zustimmung, die institutionelle und private Investoren nachhaltigen Investments beimessen, spiegeln sich noch nicht im Anteil nachhaltig verwalteter Gelder am Gesamtvermögen wider. Allerdings wächst das Volumen nachhaltig ausgerichteter Anlageformen dynamisch.

Beispielsweise stieg an der Luxembourg Green Exchange (LGX), der weltweit ersten Handelsplattform ausschließlich für nachhaltige Wertpapiere, die Zahl der notierten Wertpapiere im Jahr 2020 auf mehr als 900 mit einem Gesamtvolumen von 388 Mrd. Euro. Allein 2020 wurden 407 Wertpapiere mit einem Volumen von insgesamt 186 Mrd. Euro neu an der LGX gelistet. Auch die wachsende Zahl an Kapitalanlagen mit Nachhaltigkeitsrating belegt diese Entwicklung. Die Zahl der Finanzprodukte mit einem Siegel der luxemburgischen Zertifizierungsagentur Luxflag hat 2020 um 76 % zugenommen, die der Fonds mit einem ESG-Label sogar um 144 %. Verlässliche Standards und Nachhaltigkeitsexpertise haben die Entwicklung der LGX gestützt und zeigen das Potenzial europaweiter Regelungen.

Prämie für Nachhaltigkeit

Gestützt durch die Taxonomie kann sich das Wachstum weiter beschleunigen. Die EU und ihre Mitgliedstaaten bauen ihre Emissionstätigkeit aus. Der neue Green-Bond-Standard der EU, der sich an der Taxonomie orientiert, wird zudem die Transparenz am Markt weiter verbessern. So können die LGX, der Finanzplatz Luxemburg und die EU insgesamt am weltweiten Wachstum des Green-Bond-Segments partizipieren. Spektrum und Volumen der Anleihen wachsen dynamisch. Auch die Gruppe der Emittenten wird immer größer. Wurde das Wachstum des Segments in den ersten Jahren vor allem von Entwicklungsbanken und -agenturen getragen, geben heute immer mehr Finanzinstitute, Unternehmen unterschiedlichster Branchen und auch staatliche Akteure Green Bonds aus. Da Investoren bereit sind, eine Prämie für nachhaltige Finanzierungen zu zahlen, profitieren die Emittenten von geringeren Finanzierungskosten. Es besteht damit ein klarer wirtschaftlicher Anreiz, Green Bonds zu nutzen.

Neben den Green Bonds nimmt auch die Bedeutung von Social Bonds zu. 2020 wurde so die erste Sozialanleihe der EU in Luxemburg notiert. Die Anleihe hat ein Volumen von 17 Mrd. Euro und wurde im Rahmen des EU-Programms Sure zur Stabilisierung der Arbeitsmärkte nach der Pandemie ausgegeben. Damit eröffnen sich auch Perspektiven zur Refinanzierung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach der Krise.

Auf Basis der neuen, einheitlichen Kriterien für nachhaltige Investments kann die Finanzindustrie ihre wichtige Funktion erfüllen, private Finanzmittel dort bereitzustellen, wo diese die größte Wirkung für den ökologischen Wandel der Wirtschaft haben. Dies ist eine gute Nachricht für alle, die Nachhaltigkeitsziele unterstützen, und für den Finanzplatz Europa. Denn das dynamische Wachstum des Segments am Finanzplatz Luxemburg zeigt: Nachhaltige Investments haben großes Potenzial. Europa kann mit der vielfältigen Expertise seiner Finanzzentren und einheitlichen, transparenten Regeln weltweit Vorreiter für nachhaltige Investments sein und die Entwicklung vorantreiben. Diese Chance gilt es zu nutzen. Denn der ökologische Wandel wird nur mit einer starken Finanzindustrie und weltweit attraktiven Finanzzentren gelingen.

Veröffentlicht in Börsen-Zeitung, 29. Mai 2021, Seite 24

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